Wer (digitalen) Content anbietet, darf ihn nicht vor den Kunden verstecken. Der neu gestartete Streamingdienst Watchever macht hier schonmal manches besser als Amazon-Tochter und Marktführer Lovefilm.

Egal ob Kunden ein Schuhgeschäft oder eine Website besuchen: Wenn sie auf einen Blick sehen, dass es hier hochwertige Waren gibt, steigen die Chancen auf einen Einkauf. Anbieter aller Art sollten deshalb für eine gute “Discoverability” sorgen, also die einfache Auffindbarkeit der Produkte.

Gerade Online-Dienste, die Filme und Serien per Streaming oder DVD-Versand verleihen, müssen echten Mehrwert bieten. Denn die meisten Nutzer wissen, dass sie nur ein Browsertab entfernt alle beliebten Serien und Filme unkompliziert anschauen können. Kostenlos, wenn auch illegal.

Ein neuer Dienst ist Watchever, der für neun Euro im Monat Filme und Serien zum Ansehen übers Web anbietet. Was die Discoverability der Top-Titel angeht, macht der Neuling einiges besser als der Marktführer in Deutschland, das zu Amazon gehörende Lovefilm.
Im Folgenden ein subjektiver Erfahrungsbericht mit den beiden Diensten, der den Fokus auf das Serienangebot legt. Das Serienangebot ist für Dienste wie Watchever und Amazon auch objektiv wichtig, weil etwa die Konkurrenz der offline-Videotheken zwar viele Filme, aber selten Serien im Angebot haben.

Hochwertige Titel prominent platziert

Schon auf der Startseite der Website kann man bei Watchever einige bekannte Titel ausmachen:

Die Website von Watchever

Die Website von Watchever

Auf dem abgebildeten Tablet sehen Nutzer beliebte Serien wie “Big Bang Theory”, “Mad Men” und “Two and a Half Men”. Wo weitere Serien zu finden sind, sieht man auch schnell: Die Navigation oben ist mit der Unterteilung in “Serien” und “Filme” sinnvoll beschriftet.

Wenn Sie mit der Maus über “Serien” fahren, erscheint außerdem dieses Menü:

Das MouseOver für den Menüeintrag "Serien"

Das MouseOver für den Menüeintrag “Serien”

Wenn man auf “Meistgesehen” klickt, wird folgende Übersicht angezeigt:

Watchever Meistgesehene Serien

Die meistgesehenen Serien bei Watchever.

Schnell fallen weiter bekannte Titel wie “Breaking Bad”, “Sherlock”, “Doctor Who” und “Little Britain” ins Auge.

Schon im MouseOver-Menü (im vorherigen Screenshot zu sehen) ist der Eintrag “HBO” aufgefallen. Wer weiß, dass einige der aufwändigsten Produktionen vom US-amerikanischen Bezahlsender stammen, klickt darauf:

Eine eigene Kategorie für HBO-Hits

Eine eigene Kategorie für HBO-Hits

“The Sopranos”, “Entourage”, “Sex and the City” und “Six Feet Under”. Schon allein mit dem auf der Hauptseite angepriesenen Inhalt und dem, was man bis hierhin mit zwei Klicks herausgefunden hat, wurde eine gewisse Wertigkeit des Angebots ersichtlich. Ob das die Monatsgebühr wert ist, ist natürlich subjektiv, aber zumindest werden die hochwertigsten Inhalte prominent präsentiert.

Die besten Titel verstecken

Ganz anders Marktführer Lovefilm:

Die Hautseite ist weniger aufgeräumt, und bekannte Serien sucht man vergebens.

Die Hautseite ist weniger aufgeräumt, bekannte Serien erkennt man auf den ersten Blick nicht.

Die Startseite bietet zwar mehr Details zum Dienst als bei Watchever, aber auf den ersten Blick wenig Toptitel. Wenn man nach unten scrollt, gibt es einige “Best Of”-Galerien. Dabei verwundert die Präsentation: Es gibt zwei Galerien mit dem identischen Namen “LOVEFiLMs Empfehlungen der Redaktion” – eine davon enthält scheinbar 249 Titel, die andere 27. Auch die Galerie “Best of HD” existiert zwei mal, einmal mit 21, das andere mal mit 117 Titeln. Erst wer die einzelnen Titel betrachtet erkennt, dass die doppelten Kategorien einmal Filme, und einmal Serien enthalten. Allerdings völlig ohne Kennzeichnung, keine der Galerien enthält das wichtige Schlagwort “Serien”.
Die Navigation oben auf der Seite bietet auch keinen Eintrag für Serien, der Inhalt ist nach Verleihmethode eingeteilt – “Video on Demand” und “DVD/Blu-Ray”. Ein Klick auf zweiteres bringt:

Lovefilm DVD & Blu-ray

Wer auf einen Blick sehen will, ob Lovefilm die bekanntesten Serien im Programm hat, wird nicht fündig.

Auch hier ist die Einteilung etwas eigenwillig: In der Navigationsleiste am linken Rand steht “Film und Unterhaltung” einerseits, “TV” andererseits. Wer Serien sucht klickt auf “TV”, auch wenn zu hoffen ist, dass auch die hier zu findenden Titel als “Unterhaltung” bezeichnet werden können.

Was Neugierige als Nächstes sehen, ist leider kein “Best Of” der bekanntesten Serien, die Lovefilm zu bieten hat. Stattdessen sieht der Nutzer das gesamte TV-Angebot, also Serien und fürs TV produzierte Spielfilme, verteilt auf 2435 Seiten. Wohlgemerkt bereits vorsortiert nach “Top Titel”.

Und was hat die erste Seite also an Bekanntem zu bieten? “Grey’s Anatomy”, “Once Opon A Time” und die deutsche Produktion “Die Wanderhure”. Davon haben viele schon gehört, aber bei den “Top-Titeln” erwartet man noch etwas mehr. Auf Seite 2 dann “Dr. House” und “Prison Break”, der Rest sagt den meisten Besuchern genauso wenig wie die anderen acht Titel auf Seite 1.

Auf Seite 3 dann “Doctor Who” und “CSI Miami”. Auch davon haben viele schon gehört, aber bislang ist das Gesehene noch nicht so überzeugend, dass es Monatsgebühren rechtfertigt. Die Seiten 4 bis 6 bieten gar keine bekannten Namen, auf Seite 7 dann “Glee”. Wohlgemerkt immer aus 10 pro Seite dargestellten Titeln. Wo sind denn jetzt “Game of Thrones” “Lost” und Co., von denen die Bekannten auf Twitter immer schwärmen?

Nicht auf den Seiten 8 bis 10 jedenfalls. Die bieten gar keine bekannten Namen mehr, dafür mehr als 5 Erotiktitel.

Bezahlt man bei Lovefilm etwa Monatsgebühren für Billigproduktionen und schlüpfrige Inhalte, die ein Elektronikmarkt höchstens irgendwo weit hinten einsortieren würde?

Die Wenigsten werden Lust haben, weiterzublättern als bis Seite 10. Wer jetzt einzelne Titel in die Suche eingibt, wird überrascht:

Viele hochwertigen Titel findet man erst über die manuelle Suche.

Viele hochwertigen Titel findet man erst über die manuelle Suche.

“Game of Thrones”, die erste Staffel ist verfügbar. “True Blood”, vier ganze Staffeln. “Big Bang Theory”, “Entourage” oder “24″ – alles im Sortiment, aber erst per Suche zu finden. “Lost” gibt es auch, aber nur wenn man die Suchanzeige nach der Eingabe nach Kundenbwertung sortiert. Serienfans bekommen hier also scheinbar doch, was Sie wollen. Jedenfalls wenn sie geduldig genug sind.

Das Problem

Die Frage an Lovefilm lautet allerdings: Warum müssen neugierige, potenzielle Kunden erst so tief graben, um einen ersten Überblick über die Qualität des Angebots zu bekommen? Warum wird nicht, nachdem man auf “TV” klickt, ein Screen mit den bekanntesten Serien und dem klaren Statement “hier bekommen Sie alle Ihre Lieblingsserien? angezeigt”

Viele würden sich nicht die Mühe machen, so viele Titel einzeln zu suchen, schon gar nicht, wenn Sie das Angebot verschenken wollen und nicht jede einzelne Serie beim Namen kennen, die der Beschenkte mag. Je einfacher es ist, illegal und ohne zu bezahlen an digitalen Content zu kommen, umso geringer ist die Geduld und Aufmerksamkeitsspanne, die legale Dienste von Interessierten erwarten können.

Die Lektion

Egal, was für digitalen Content Sie anbieten: Finden Sie heraus, welche Inhalte am bekanntesten sind, also am schnellsten mit Wertigkeit assoziiert werden. Sorgen Sie auf Ihrer Website oder Ihrer App dann dafür, dass Nutzer nach wenigen Sekunden auf diese Inhalte stoßen.